Einfacher Leben lernen: Nach dem Abitur wollte ich ins Ausland gehen – ein Jahr lang in eine neue Kultur eintauchen, eine neue Sprache lernen und endlich selbstständig sein. Aber, wie das bei den meisten Sachen so ist, habe ich ganz andere Sachen gelernt, als ich wollte. z.B. einfacher zu leben.

Bevor ich in meine “Einsatzstelle” in Szernye kam, hatten wir einen Sprachkurs in Ungarn (die Menschen in Szernye, Roma und Mehrheitsbevölkerung, sprechen Ungarisch als Muttersprache) und am Ende, fuhr ich zusammen mit einer weiteren Freiwilligen, die ursprünglich aus der Ukraine kam, in einem alten weißen Bus, über die Ruckelpisten nach Szernye.

Zehn Jahre später erzählte mir ein älterer Mann aus dem Dorf, Joni Bácsi, mit dem ich eigentlich nie viel zu tun hatte, dass er sich noch genau an den Tag erinnerte, als wir dem Bus durch die Roma-Siedlung fuhren. Ich hatte das schon fast wieder vergessen.

Wir wurden zuerst beim Pastor im Dorf untergebracht, um den ersten Monat ein Haus zu renovieren, in dem wir dann die restliche Zeit wohnen würden.

Von dem Moment, an dem wir ankamen, konnte ich nichts mehr alleine machen. Ich konnte nicht reden (außer den paar Brocken Ungarisch, die ich im Vorbereitungskurs gelernt habe), ich konnte nicht alleine einkaufen, außer dem Fußweg zwischen unserem zukünftigen Haus und dem des Pastors, konnte ich nirgendwo hingehen.

Ich teilte mir mit der anderen Freiwilligen (mit der ich mich auch nicht über Worte verständigen konnte) ein 10qm Zimmer, ich musste in die Kirche gehen, ich konnte mir kein eigenes Essen machen, alles war neu und ich verstand nicht viel, außer, dass ich mir das mit der Selbstständigkeit erst einmal abschminken konnte.

Das alles hatte den Vorteil, dass ich mich nicht nur wie ein kleines Kind fühlte, sondern auch wie eins lernen konnte. Erst konnte ich Brot sagen, dann irgendwann auch gib mir bitte. Erst konnte ich Haus oder Geschäft sagen, dann irgendwann, wo ist. Und so ging es Schritt für Schritt weiter. Farben, Wetter, Zeiten, Richtungen … was man eben so braucht.

Einfacher Leben lernen

Auch wenn wir beim Pastor recht beengt gewohnt haben, hatten wir dort im ersten Monat noch den Luxus eines Generators und einer Toilette im Haus. Das änderte sich in unserem neuen Haus. Dort hatten wir einen Brunnen und ein Toilettenhäuschen hinter dem Haus.

Und mit dem Einbruch des Herbstes gab es nur noch rationierten Strom.

Das war im Jahr 2000.

1991 zerfiel die Sowjetunion und die Ukraine wurde unabhängig. JEDER sagte mir damals, zu Sowjetzeiten war alles besser. Arbeit, Geld, Reisen. Die Arbeitslosenrate lag in der Region 2000 bei für uns unvorstellbaren 90%, die Menschen ernährten sich von dem, was sie im Garten anbauen konnten.

Die Roma hatten keine Gärten und waren auch seit dem Ende der Sowjetunion nicht mehr in der Schule (abgesehen von zwei Ausnahmen), sie bauten Öfen und Dachrinnen und halfen auf dem Feld und bei Bauarbeiten, formal arbeitete niemand. Mehr dazu an anderer Stelle.

Der Strom wurde passend zum Sonnenuntergang abgestellt und ging gegen zehn am nächsten Morgen wieder an. Meistens. Wir lasen oder malten oder machten was auch immer, also abends bei Kerzenschein.

Festnetztelefone gab es quasi auch nicht. Zwei in einem Dorf mit etwa 4000 Einwohner_innen. Um mit dem Handy telefonieren zu können, mussten wir weit auf das Feld herausgehen. Wenn eine Nachricht von einem Dorf ins andere gelangen sollte, fuhr man hin.

Einmal war ich krank und die Mutter der anderen Freiwilligen kam, um nach mir zu schauen – als ich schon wieder gesund war, was sie ja nicht wissen konnte – und als anpackende Bäuerin, die sie war, die bei sich zu Hause immer etwas zu tun hatte, sah sie, dass es bei mir, nun nichts zu tun gab.

Sprechen konnte ich noch nicht viel, Züge fuhren selten, also saß sie für 4 Stunden neben mir, bis ihr Zug wieder zurückfuhr. Ich fühle mich immer noch so unwohl, wenn ich an den Moment zurückdenke. Sie machte den Eindruck, als sei das, das normalste der Welt. So viel zu lernen.

Aber, was ich vor allem gelernt habe, ist, dass das Wichtigste im Leben ohne Strom, Heizung und fließend Wasser genauso funktioniert wie mit.

Wir werden krank, wir haben Spaß, wir verlieben uns, werden verlassen, bekommen Kinder, machen Essen, sind zusammen, sind alleine, suchen Kleidung aus, pflücken Blumen, singen Lieder, kaufen Brot. Wir haben hunger, sind satt, wir sind kreativ, bauen etwas, haben Angst, denken nach, lernen, lachen, lesen, schreiben, laufen, spielen, waschen – alles ganz genau so, mit oder ohne Strom.

Vorher habe ich oft darüber gedacht, wie  Menschen bloß leben konnten, als sie noch nicht all das hatten, was für uns selbstverständlich war und ist. Und die Antwort ist: ganz genauso wie wir auch, nur ohne Strom und fließend Wasser. Und im Zweifelsfall mit mehr Gemeinschaft.

Und was das Leben in Gemeinschaft bedeutet, durfte ich dann auch lernen. Das erste Mal zum traurigen Anlass einer Beerdigung.

Nachdem wir das Haus fertig renoviert hatten und eingezogen waren, begann unsere Arbeit in der Roma-Gemeinschaft. Gemeinsam mit einem Mädchen aus der Roma-Gemeinschaft, heute eine gute Freundin, arbeiteten wir im Kindergarten. Auch dazu an anderer Stelle mehr.

Als dann der Vater einer der Lehrerinnen starb, holte sie mich ab und sagte, dass wenn wir zusammen arbeiten wir auch zur Beerdigung müssen. Und es war krass. Aus allen Häusern kamen die Leute zu uns. Das ganze Dorf kam zusammen und alle gingen gemeinsam zum Haus des Toten.

Bis zu diesem Zeitpunkt bin ich jeden Sonntag in die Dorfkirche gegangen. Bis dahin, habe ich jedes Mal auf dem Weg zur Kirche geweint. Weil ich nicht nein sagen konnte, weil mein nein nicht gehört wurde, weil ich nichts verstand und weil es mir bewusst machte, dass ich kaum Entscheidungsgewalt über mein Leben hatte.

Von nun an holte mich meine neue Freundin jeden Sonntag ab und nahm mich mit zu sich nach Hause. Wir gingen auch in die Kirche, aber nicht im Dorf, sondern in der Roma-Gemeinde. Da wurde nicht so viel geredet und viel gesungen, der Gottesdienst war kürzer und außerdem waren die Kinder aus dem Kindergarten da und ich hatte immer eins auf dem Schoß. Ich war angekommen.

Warum schreibe ich das alles? Ich komme aus Hamburg, Vorstadt. Ich musste mir bis ich in die Ukraine kam niemals Gedanken über Strom oder genug zu essen machen.

Bis jetzt habe ich nie viel über meine Zeit in der Ukraine geredet, zu oft kam: so könnte ich ja nicht leben. Oder: warum hast Du Dir das denn angetan?

Warum ich durchgehalten habe, obwohl es am Anfang echt schwer war? Weil ich auch damals schon wusste, dass die Magie außerhalb der Komfortzone liegt, auch wenn’s den Spruch noch nicht gab.

Weil ich nicht nur in eine oder zwei neue Kulturen eingetaucht bin, eine neue Sprache gelernt habe, weil ich nicht nur nach der anfänglichen Abhängigkeit auch wieder selbstständiger wurde, sondern weil ich gelernt habe, was viel wichtiger ist, als die Dinge, um die wir uns hier im Westen die meiste Zeit Gedanken machen.

Und weil ich denke, dass es wichtig ist, diese Erfahrungen zu teilen, in den Zeiten des Umbruchs, die wir gerade erleben.

Wir brauchen eine Energiewende, wir müssen einfacherer leben, wenn wir wollen, dass alle Menschen die gleichen Chancen haben und wir als Menschen auf dieser Erde langfristig eine Chance haben wollen.

Wenn wir jetzt darüber nachdenken, was uns wirklich wichtig ist, dann haben wir nichts zu verlieren und viel zu gewinnen.

In Szernye gibt es einen Zaun um jedes Grundstück, wo Hühner und Hunde, Schweine, Katzen und Menschen zusammenleben. Vor jedem Zaun am Straßenrand gibt es eine Bank, wo sich die Menschen nach der getanen Arbeit hinsetzen und mit ihren Nachbar_innen unterhalten.

Wenn jemand stirbt, es jemandem schlecht geht, dann kommen alle zusammen. Wenn jemand geboren wird, freuen sich alle. Wenn das Wetter gut ist, auch. Freitag Abend wird getanzt. Sonntags manchmal auch.

Wenn eine junge Ausländerin alleine ins Dorf kommt, wird sie aus ihrem Haus in die Gemeinschaft geholt, ob sie will oder nicht 🙂 (Was ist denn wohl mit meinen Eltern los, dass die mich ganz alleine so weit von zuhause weg lassen?)

Wenn man will kann man sich auch ohne Worte verstehen und ganz unverhofft kann es zu lebenslangen Freundschaften kommen.

Was vermisst Du in Deinem Leben?

Danke für Deine Unterstützung!

Gesammelte Infos zur Ukraine hier.

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